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Lea Höneise - Prolog
„Ich will Antworten, Professor“
Ich stieß mich von dem Tisch ab, an dem ich eben noch lehnte. Darauf waren dutzende Dokumente verteilt, die ich mir eben noch angesehen hatte. In der Hand hielt ich einen Bericht, vollgepackt mit wissenschaftlichen Details, von denen ich kein Wort verstand. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Die kleine Gestalt vor mir hob entschuldigend ihre zittrigen Hände.
„J-Johnathan, ich-“
„John“, unterbrach ich sein Gestottere.
„Natürlich…“, murmelte er. Seine nervösen Finger fuhren immer wieder über seine alten Hände. Er ging einen winzigen Schritt nach hinten, als würde er sich vor mir wegducken wollen. Ich nickte knapp zu Anthony rüber, der die einzige Tür im Raum wie ein Stier ausfüllte. „Es ist nur etwas schwieriger, als angenommen…“, der Prof blickte zu seinen Studien hinter mir, „…Zu finden, wonach sie suchen“ Eine meiner Hände wanderte in meine Hosentasche. Ich umgriff dort einen kleinen Schlüsselanhänger. Meine Augen schlossen sich, um kurz der Erinnerung nachzugeben. Maria.
„Ich gebe ihnen monatlich so viele Mittel, wie sie brauchen, mehr noch sogar. Und alles, was sie mir zurückgeben, ist, dass sie nach wie vor nichts haben?“ Meine Faust umschloss den kleinen Anhänger. Es ist ein kleiner Leuchtturm aus Kupfer. Meine Finger fühlten über seine kleinen Rillen. „Verstehe ich das richtig?“
Ich öffnete meine Augen wieder und funkelte den jetzt sichtlich nervöser gewordenen Professor an. Hinter mir konnte ich Anthony kichern hören. Plötzlich sprang der kleine Mann auf und begab sich zu seinem Schreibtisch. Einer von vielen Tischen in dem Raum. Der Raum befand sich direkt unter dem Dach des Hauses, weshalb drei der vier Wände im Raum Dachschrägen waren. Mitunter der Grund, warum Anthony den Türrahmen nicht mehr übertrat. Ein kleines Grinsen zeichnete sich auf meinen Lippen. Das letzte Mal hatte er sich wie oft angestoßen? Fünf Mal? Sechs Mal? Oft genug, dass er sich auf der gesamten Rückfahrt danach bei mir beschwert hatte. Armer großer Mann.
Meine Aufmerksamkeit wurde zurück zu dem Professor gelenkt, als dieser wieder vor mir auftauchte. Mit beiden Händen umklammerte er eine Mappe. Langsam, als wäre sie ein kostbarer Schatz streckte er sie mir entgegen, wobei mir nicht entging, dass Mappe sowie seine Hände zitterten. Ich legte den Bericht in meiner Hand zur Seite und nahm stattdessen die Mappe. Sie hatte keine Bezeichnung, was für den Prof ungewöhnlich war.
„Was ist das?“, fragte ich, während ich sie bereits öffnete. Darin befanden sich Zeitungsauschnitte, Schwarz-weiß Fotos, vergilbte Briefe, Ausweise und weiter ähnliche Dokumente. Auf allen Bildern war eine Person zu sehen. Mit stockendem Atem nahm ich ein Foto in die Hand. Darauf zu sehen war ein gutgekleideter Mann in seinen frühen Zwanzigern, der ein kleines Bündel in den Armen hält. An ihn gelehnt stand eine Frau mit Schulterlangem Haar. Sie lächelten in die Kamera und schienen überglücklich. Unter dem Bild wurde etwas mit einem Kugelschreiber gekritzelt.
Tom und Elisa Morgan mit Maria Morgan, 1971.
Meine Finger strichen über das Bild und blieben an Tom Morgan mit dem Bündel hängen. Meine Maria.
Ich durchforstete weitere Bilder, wovon mir eines besonders ins Auge stach. Ich betrachtete es näher. Auch auf diesem Bild war Tom zu sehen, hier sah er jedoch ganz anders aus. Nicht, wie der englische Gentleman mit seiner Familie. Hier waren seine Augen in Panik weit aufgerissen, seine Kleidung und Haare verwüstet. Er hatte die Hände defensiv erhoben. Um ihn waren verschwommen Gegenstände zu sehen. Sie schienen um ihn herumzuwirbeln. Ein Gartenstuhl, eine Mülltonne- war das eine Parkbank?
„Was hat das zu bedeuten?“ Ich wirbelte zu dem Professor herum. Dieser machte einen schrillen Pieps, als ich auf ihn zukam und ihn dabei wütend betrachtete. Erst, als mein Gesicht wenige Zentimeter von seinem entfernt war, stoppte ich.
„Ich- ich… moment…“, stammelte er vor sich hin, doch das brachte ihm auch nichts mehr. „Ich habe-“, meine Stimme kam bedrohlicher heraus, als beabsichtigt. Ich atmete einmal tief ein und versuchte es dann erneut. „Ich habe Ihnen diese Information gegeben, damit sie mir helfen, meine Familie wieder zu finden, nicht-“ „Aber d-das ist ja genau der Punkt…“, piepste der Professor unter mir. Irritiert darüber, dass der alte Mann mich unterbrochen hatte, ging ich einen Schritt nach hinten. Mein Blick bohrte sich in seine grauen Augen. „S-sie haben mich vor drei Monaten mit einer Aufgabe betraut, ich sollte ihnen helfen, ihre Frau zu finden. Dabei bin ich aber auf ihren Stiefvater gestoßen“ Er hielt kurz inne. Schluckte. Sah zu mir. Sah wieder weg.
„Bei ihrer Frau bin ich auf eine Sackgasse gestoßen, wie ich ihnen vorhin bereits berichtete. Ihr Stiefvater hingegen…“ Er ließ den Satz in der Luft hängen, während er sich zu seinem Laptop umdrehte. „Tom ist, wie es scheint, bei weitem, bei weitem kein Einzelfall“ Ohne zu erklären, was er damit meinte, tippte er aufgeregt auf dem Laptop rum. In seiner Stimme schwang plötzlich ein merkwürdiger, aufgeregter Unterton mit.
„Alle paar Jahrhunderte gibt es Aufzeichnungen, ernstzunehmende Aufzeichnungen, von übernatürlichen Menschen, oft als Hexen oder sonstiges verteufelt, aber es gab sie. Auch wenn sie heute von den meisten als Märchen abgetan werden“ Die grauen Augen leuchteten, als sie mich wieder ansahen. „Das da“ er nickte zu der Mappe, welche ich immer noch in meiner Hand hielt. „Beinhaltet alles, was ich mit meinen bisherigen Aufzeichnungen über die Besonderheiten Tom Morgans herausfinden konnte, aber… wenn sie Interesse hätten, könnte ich meine Forschung auf diese Menschen erweitern“ Diese Menschen.
„Du meinst, wenn er die Kohle dafür rausrücken will“, brummte Anthony hinter mir. Der Professor blinzelte verärgert in seine Richtung. Er wandte sich schnell wieder zu mir um.
„Mr. Morgan, ich habe mit den von ihnen gestellten Daten Maria Morgan untersucht, anscheinend hatte sie keine der… Besonderheiten ihres Vaters geerbt. Aber…“ Er betrachtete mich eingehend. „Ich habe das Gefühl, es könnte sie dennoch interessieren“ Ich hielt inne. Der alte Sack hatte es rausgefunden. Er musste es rausgefunden haben. Ich sah mir erneut das Familienfoto der Morgans an. Meine Augen trafen auf die Tom Morgans. Ich hielt inne. Und überlegte.
„Das hast du jetzt nicht wirklich gemacht!“, beschwerte sich Anthony neben mir auf der Rückbank. „Du hast diesem alten Sack nicht wirklich noch mehr Geld zugesteckt!“ Keine Autofahrt ohne einen murrenden Anthony. „Ich meine, es ist dein Geld, aber der Kerl gefällt mir nicht. Der ist gruselig. Und viel zu zittrig. Wie ein Aal.“ Er verzog angewidert das Gesicht. Ich atmete erschöpft aus und drehte mich von meinem vor sich hin knurrenden Freund ab. Die Häuserreihen Londons zogen stetig an uns vorbei, während wir uns von einer roten Ampel zur nächsten arbeiteten. „Ist immerhin ein ganzer Batzen Geld“, hörte ich ihn jetzt wieder, „und dabei hat er ja nicht mal was über Maria rausfinden können, hab dir gleich gesagt, ein Privatdetektiv wäre besser. Meine Leute kennen da einen guten, der würde es für dich sogar kostenlos machen.“ Ich lächelte schwach. Nein, meine Maria würde kein Detektiv der Welt finden. Außerdem ging es hier nicht nur um sie. Ich presste meine Lippen aufeinander. Und der alte Sack hatte das durchschaut. Ich schüttelte leicht mit dem Kopf, wofür ich ein unterdrücktes Stöhnen zu hören bekam. „Wofür machen wir das alles hier dann überhaupt?“
Mir war klar, dass das keine Frage war, die eine Antwort erwartete. Aber es war eine Frage, die ich mir selbst immer und immer wieder gestellt hatte.
„Eine Vermutung“, hörte ich mich selbst sagen. Anthony hielt inne und starrte mich an. Für gewöhnlich antwortete ich nicht auf seine Ausbrüche.
Eine Vermutung. Eigentlich mehr eine Idee, ein Funken Hoffnung. Mein Herz zog sich zusammen. Eine Befürchtung.
Lea Höneise 2024, Klasse 10


